Ein Interview mit Silvan Wiedmer und Yunus Ruff, Teilnehmer an den WorldSkills 2022 im Bereich Industrie 4.0, in Stuttgart. Sie steigen als Gewinner der Euro- Skills 2021 in den Wettbewerb ein und erzählen von ihrer Vorbereitung und ihrer Arbeit an der MSW.
Am 4. Oktober 2022 geht’s los: Ihr werdet in Stuttgart um den World Skills Titel kämpfen. Wie ist Eure Gefühlslage?
Silvan: 7 (lacht)
Yunus: Im Moment sehr gut, wir freuen uns sehr, wirklich, das meine ich ernst. Wir freuen uns gehen zu dürfen, wir freuen uns nachher wieder ein neues Kapitel aufschlagen zu können. Wir wissen jetzt, wie eine Vorbereitungsphase abläuft. Wir haben Fortschritte festgestellt auch im Training, immer wieder. Vorbereitet sind wir optimal.
Mit welchen Zielen reist Ihr nach Stuttgart?
S: Wir würden sehr gerne gewinnen. Wir sind schon so lange dabei, wir haben das Gefühl, dass die Chancen nicht so schlecht stehen. Man weiss es zwar nicht.
Y: Wir sind die einzigen, die an den EuroSkills teilgenommen haben. Die anderen haben einen nationalen Wettkampf hinter sich. Wir haben eine gute Grundlage.
Welches waren die Herausforderungen in der Vorbereitungsphase?
Y: Neue Software ist hinzugekommen, was so nicht kommuniziert wurde und wir auch nicht erwartet hatten. Wir mussten uns neu einlesen und lernen. In einem Trainingscamp waren wir nur einen von drei Tagen mit dabei, so mussten wir uns die Software selbständig erarbeiten.
Wir sind überdurchschnittlich lange mit einer solchen Mission beschäftigt und auch lange mit denselben Materialien und Zielen unterwegs. Die Motivation aufrecht zu halten, das ist die Herausforderung. Und wenn es dann heisst, dass der Anlass eventuell nicht stattfindet oder definitiv nicht in Schanghai, und wir haben uns beide sehr auf Schanghai gefreut, das war ein Dämpfer. Dann reisen wir nach Stuttgart und nur die Teilnehmer unserer Disziplin sind vor Ort, wenigstens in einer coolen Location.
S: Von den EuroSkills in Graz wissen wir, wie das sein kann. Dort hatten wir den Teamzusammenhalt (die Wettkämpfe aller Berufe fanden am selben Ort statt). Beim Morgenessen konnte man sich austauschen, es gab eine Eröffnungs- und eine Schlussfeier, einen Stadtrundgang. Es ist schade, dass es das alles hier nicht gibt.
Y: Irgendwann werden wir auf einem anderen Weg nach Schanghai kommen.
Welchen Stellenwert hat dieser Wettkampf für Euch persönlich? Ihr leistet einen grossen Einsatz und habt Euer Leben darauf ausgerichtet…
Y: Jetzt gibt es nur noch den Wettkampf, es gibt keinen anderen Grund, alles andere ist wegefallen, der Ort, das Team, das Erlebnis… Die Motivation ist zu hundert Prozent beim Wettkampf.
Was bringt die Teilnahme für Eure beruflichen Karrieren?
S: Wir denken, dass uns die erlernten Technologien keinen Nutzen bringen, da es sich um didaktische Tools handelt. Aber Problemlösestrategien, Software programmieren oder Teamarbeit, das sind alles Fertigkeiten, die wir uns angeeignet haben. Und natürlich, dass wir durch Swiss Skills und die Wettbewerbe viele Leute kennen gelernt haben.
Als Ihr in die Wettkampfserie SwissSkills – EuroSkills – WorldSkills eingestiegen seid wart Ihr noch in der Ausbildung. Wie konnte Euch die MSW gleichzeitig ausbilden und in der Vorbereitung unterstützen?
S: Ich bin erst nach der Berufslehre eingestiegen, da der Partner von Yunus, abgesprungen ist. Das war ein Monat vor den SwissSkills.
Y: Obwohl wir beide nicht zur selben Zeit gestartet sind, können wir die Frage miteinander beantworten. Wir haben zusammen die IPA im Bereich I4.0 gemacht, wo wir viele Technologien des Wettbewerbs kennenlernten. Vor allem die Software, die auch an den SwissSkills benutzt wurde. Die Grundlagen für den Wettbewerb erarbeiteten wir uns laufend, zwar in erster Linie für die IPA, was ein enormer Zeitgewinn war.
Also hast Du Yunus, Silvan in der IPA mitgenommen und so auf den Wettbewerb vorbereitet? Gab es eine Sogwirkung?
S: Das stimmt so. Ich wusste nicht, was ich an der IPA machen sollte, und Yunus fragte, ob ich Lust habe mitzumachen. Yunus hat die Idee von Oli (Olivier Riesen) erhalten und ich dachte es sei sehr spannend.
Y: Mein Start bildete die BüP (Bereichsübergreifende Projektarbeit). Das war das erste Mal an der MSW, dass diese Software zum Einsatz kam, auch die erste Lancierung eines Projektes im Bereich I4.0. Ich habe wochenweise damit verbracht die Software zu «büffeln», niemand konnte mir dabei helfen, ich bin in jedes Problem voll reingefahren und habe zu Beginn gar nichts verstanden, die Motivation jedoch war riesig. Nach vielen Stunden BüP habe ich die Software wirklich gut gekannt und gewusst, ich möchte eine App programmieren und im Bereich I4.0 weiterarbeiten, mich vertiefen. SwissSkills war dazumal noch keine Idee.
Also war es auch eine Art Fügung, dass der Wettkampf I4.0 von SwissSkills neu lanciert wurde?
Y: Das hat sich genau getroffen. Da hatten wir eine einzigartige Vorbereitung, die niemand anders gehabt hat.
Silvan, wie bist Du in den Prozess eingestiegen?
S: Das war beim Beginn der IPA-Vorbereitung, Anfangs 7. Semester. Es war ein Vorteil, dass Yunus mir die Software erklären konnte.
Y: Jetzt sieht man die Auswirkung davon. Es macht Freude, dass die ersten Absolventen der MSW dank unserer Vorarbeit auf dieser Software geschult wurden. Einfach erklärt und passend vermittelt von Oli, welchem wir zur Seite standen. Die Lernenden sind enorm weit gekommen und haben Projekte verwirklicht. Diese Möglichkeit gibt es in dieser Form in keiner anderen Ausbildung. Jetzt ist die Grundlage geschaffen und weitere Talente können gefördert werden. Wenn man scheitert, dann beim Einstieg. So können sie sich auch weiterentwickeln als wir das konnten. Das bietet die MSW, das ist der Hauptpunkt, wo uns die MSW in der Vorbereitung unterstützt hat.
S: Nach dem Lehrabschluss haben wir auch Ausbildungsblöcke geschult.
Es ist schon länger her, erinnert Ihr Euch, warum Ihr Euch für die Berufslehre an der MSW entschieden habt?
S: Man kann sich auf einem Gebiet spezialisieren, das einen interessiert. Aha, «Die einzigartige Breite der Ausbildung gibt den Lernenden die Möglichkeit zur individuellen Vertiefung.» (Silvan liest von einem Blatt ab, welches Yunus ihm hinhält, beide lachen). Und eben auch, dass man hier schon mehr kennen lernt. Wir machen SPS, Visualisierungen, Motoren, ich hatte das Gefühl, das gibt es nicht an vielen anderen Orten. Das war einer der Hauptgründe. Am Tag der offenen Tür konnte ich alles anschauen und das hat sehr geholfen. Dafür reichen die Infos auf einer Website nicht aus, man versteht noch nicht alles.
Y: Man läuft hier rein, als Siebenjähriger, als Fünfzehnjähriger und findet immer etwas, das einen begeistert, so war es bei mir. Maschinen, Roboter, die sich bewegen, Projekte der Lernenden, die mit Herzblut dahinterstehen, viel investieren und stolz sind zu zeigen, was sie alles in der Ausbildung gelernt haben. Gerade haben sich Lernende der MSW an der Kyburz CE Challenge gegen Ingenieure, Profibastler, ganze Firmen durchgesetzt, einfach, weil sie bessere Projekte, bessere Fahrzeuge realisierten. Genau das spürt man hier als Besucher, wenn man sich z.B. einen Cocktail vom Cocktail-O-Mat mixen lässt und weiss, dies ist das Projekt von Lernenden. Bei mir war das zehnte Schuljahr ausschlaggebend, wo ich einen Tag pro Woche an der MSW verbrachte. So wusste ich, was die MSW bietet und was man machen kann. Mir hat auch die Stimmung sehr gut gefallen.
Welchen Tipp gebt Ihr Lernenden, die Eurem Beispiel folgen und an Wettbewerben teilnehmen möchten?
Y: Mein Appell an die nachkommenden Generationen, diese Grundlage und die Freude an der Sache als Antrieb nutzen. Wenn man früh weiss, dass man teilnehmen möchte, dann die IPA auf dem Thema des Wettbewerbs machen. Schlussendlich fliessen viele Stunden ins Training. Die MSW bietet die idealen Bedingungen für die Vorbereitung, da wir den wirtschaftlichen Druck nicht spüren. Die Tage am Wettkampf, das Erlebnis, ist der Aufwand wert, auch wenn es nicht der erste Platz ist.
S: Spass macht auch, dass es kein stures Lernen einer Software ist, man versucht ein Ziel zu erreichen mit dem Projekt, davon profitiert man mehr.
Roman Zellweger
